Vorträge
FREITAG 3.9.
18 Uhr Grenzenlos?
“Separations”bestrebungen von Feministinnen sorgen häufig für ein gewisses Unbehagen. Vor dem Hintergrund des Postulats der Dekonstruktion werden Ein- und Ausschlüsse in Frage gestellt. Aber warum eigentlich erkämpfen sich auch die immer wieder “Freiräume”, “Frauenräume”, die dieses Postulat teilen? Warum müssen die eigentlich erkämpft werden und sind nicht selbstverständlich? Worin besteht der Unterschied zwischen strategischem Separatismus und Festschreibung weiblicher Identität? Und was verbigrt sich hinter dem sperrigen Begriff des strategischen Essentialismus? Diesen Fragen werden die Referentinnen nachgehen und viel Raum für Diskussionen lassen.
SAMSTAG 4.9.
14 Uhr Geschlechterkampf von rechts – Reaktionäre und emanzipatorische Strömungen in der Männerbewegung mit Thomas Gesterkamp
Männerrechtliche Netzwerke formieren sich gegen den Feminismus – und nutzen dabei vor allem das Internet. Die Gleichstellung der Geschlechter sei erreicht, die Emanzipation beendet, behaupten sie in den einschlägigen Onlineforen. Es müsse Schluss sein mit der “organisierten Besserstellung” der Frau.
Die Männerbewegung (wenn man von einer solchen überhaupt sprechen will) präsentiert sich heterogen. Geschlechterdialogisch orientierte Verbände unter Federführung der Kirchen gründen derzeit ein “Bundesforum Männer” als Pendant zum Deutschen Frauenrat. Andere Aktivisten dagegen wittern überall männliche Benachteiligungen. Sie klagen über eine “Kaste der Genderfunktionäre”, deren kulturelle Hegemonie jeden Widerspruch unterdrücke.
Zentraler Bezugspunkt der Männerrechtler ist ihr Antifeminismus. Ein “ausufernder Gouvernanten- und Umerziehungsstaat” fördere einseitig die Frauen. Typisch ist auch die Umdeutung von Begriffen. Im Kampf um die Deutungshoheit wird versucht, ursprünglich emanzipatorisch interpretierte Worte wie “Befreiung” oder “Geschlechterdemokratie” anders zu definieren. Eine weitere wichtige Denkfigur ist der Anti-Etatismus: Unter Berufung auf “freiheitliche” und zivilgesellschaftliche Prinzipien polemisieren Männerrechtler gegen staatliche Bevormundung und warnen vor “Umerziehung” durch öffentliche Institutionen.
Der Referent ist Journalist, Buchautor und Politikwissenschaftler. Er hat für die Reihe WISO-Diskurs der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Expertise über die Männerrechtler verfasst.
16 Uhr Von Tunten, Twinks und echten Kerlen: Schwule Männlichkeit, schwuler Selbsthass, schwule Politik mit Patsy l’Amour laLove / Patrick Henze
Hegemoniale Vorstellungen von einer einzigen gültigen Männlichkeit werden tagtäglich immer wieder aufs Neue reproduziert und damit im öffentlichen Diskurs bestätigt. Was allerdings als „echte“ Männlichkeit betrachtet wird, steht für das einzelne Subjekt als sehr einengende Identität: Niemand kann diesem Ideal zur Gänze entsprechen, so dass im Alltag ständig Brüche in der Hegemonie dieser einen Männlichkeit beobachtet werden können.
Durch die Bestrebung der einzelnen Männer, dem angesprochenen Ideal zu entsprechen, kommt es allerdings zu Dynamiken, die wiederum andere, nicht anerkannte Männlichkeiten marginalisieren, diskreditieren und am Individuum diskriminieren. Gerade schwule Männlichkeit wird als gelebte Weiblichkeit, die schlicht mit Unmännlichkeit in Verbindung gebracht wird, nach wie vor verachtet. Die Rate schwulenfeindlicher Gewalt steigt; als schwules Paar, offen Schwuler oder gar als Tunte auf die Straße zu gehen, wird alleine aufgrund der Gefahr, die daraus entstehen kann, gemieden.
Entsprechend dieses Gewaltverhältnisses haben sich innerhalb schwuler Subkultur „eigene“ Männlichkeitskonzepte entwickelt, die sich scheinbar festgelegte Vorstellungen von Männlichkeit angeeignet, transformiert und umformuliert haben. Schwule könnten demnach als Beispiel dafür angesehen werden, wie hegemoniale und dadurch homophobe Männlichkeit progressiv umgedeutet wird.
Bei einem Blick in die heutige schwule Szene muss ich allerdings fragen: Wo sind bitteschön die Tunten hin verschwunden?!
Schwule, die aufgrund ihrer (vermeintlich) gelebten „Weiblichkeit“ diskreditiert werden, diskreditieren sich innerhalb schwuler Kontexte vielfach selbst. Gerade die Tunte gilt als eine Form von Männlichkeit, die keinesfalls ausgelebt werden darf. Damit einhergehend ist die starke Ablehnung von anderen Formen von Tuckigkeit, Dicksein, Behinderung oder Trans*.
Reproduziert aber nun Männlichkeit automatisch patriarchale Vorstellungen von Männlichkeit? Oder ist schwule Männlichkeit stets subversive Männlichkeit, die mit heteronormativen Vorstellungen von Geschlecht bricht?! In diesem Vortrag sollen einige schwule Männlichkeiten in den Blick genommen und analysiert werden. Es wird eine Verbindung hergestellt zur Geschichte der schwulen Bewegung (in der BRD) und der heutigen Situation (un)politischer schwuler Subkultur. Dabei wird ein tuntenpolitischer Maßstab an die vorgenommenen Betrachtungen gelegt.
Der Referent ist Polit-Tunte aus Göttingen, BA in Geschlechterforschung und in linken HomoTrans*-Aktivismusgruppen aktiv.
18 Uhr Sex Is Not The Enemy?! mit Yvonne Wolz
Pornfilmfest, Dildoworkshop, Sexparty – Sexpositiv-Sein, d.h. eine offensive, aufgeschlossene Haltung gegenüber Sexualität und ihrer Spielarten zu haben, hat in den letzten Jahren in vielen queer_feministischen Zusammenhänge an Bedeutung gewonnen und scheint in manchen Städten allgegenwärtig zu sein. Es ermöglicht neue (sexuelle) Rollen auszufüllen, als die, die für FrauenLesbenTrans* gesellschaftlich vorgesehen sind und ist eine Empowerment-Strategie. Für manche bedeutet es aber auch, neuem Druck und Normierungen ausgesetzt zu sein und das Gefühl zu bekommen, anders oder spießig zu sein, wenn man keinen hippen, abgefahrenen oder überhaupt keinen Sex hat. Besonders für Menschen mit sexualisierten Gewalterfahrungen kann das dazu führen, dass Räume sich für sie nicht mehr sicher anfühlen. Über diesen schmalen Grat, seine Chancen und Risiken sowie Konsequenzen für eine queer_feministische Praxis soll es in dem Vortrag mit anschließendem Austausch und Diskussion gehen.
Offen für FrauenLesbenTrans*Intersex
Sex Positiv ist eine Strategie für marginalisierte Geschlechter, wie z.B. FrauenLesben, denen oft von außen eine passive, lustfeindliche Sexualität zugeschrieben wird. Weiterhin geht es um eine Sensibilisierung innerhalb der queer-feministischen/ Ladyfest Szene, die sich Sex Positive Strategien aneignet. Deshalb haben wir uns entschieden, den Vortrag auf FrauenLesbenTrans zu beschränken.
18 Uhr Illegalisierte Migrantinnen in der bezahlten Hausarbeit mit Alex Harstall von Azade Bonn
In immer mehr Haushalten der Mittelschicht in Deutschland erkaufen sich Frauen ihre persönliche Gleichstellung und Männer ihre Freistellung von der Hausarbeit bei Migrantinnen, die in Folge der neoliberalen Globalisierung und der damit einhergehenden Verarmung ihre Herkunftsländer verlassen. Schätzungen gehen von 4,35 Millionen Haushalten aus, die die private Versorgungsarbeit an Dritte abgeben – in über 99% der Fälle ohne jede soziale Absicherung. Gilt hier das Motto »Gleichstellung für die Elite – Hausarbeit fürs Volk«, und zwar möglichst für Menschen aus anderen Herkunftsländern? Ist die Frauenemanzipation in den Industrieländern eine »imperialistische Illusion« (Rommelspacher), die zunehmend auf Kosten von Migrantinnen geht? Warum wird der Geschlechterkonflikt durch die Beschäftigung von Putz- und Haushaltshilfen ausgelagert und vermieden? Wie können wir Teil des Widerstandes werden und verhindern, dass wir Teil des Problems sind?
Alex Harstall, geb. 1977 in Bukarest, ist Gründungsmitglied von MediNetz Bonn medizinische Vermittlungsstelle für Flüchtlinge, MigrantInnen, Menschen ohne Papiere www.medinetzbonn.de und in der interkulturellen Mädchenarbeit tätig www.azade.de.
SONNTAG 5.9.
14 Uhr trans* – transphobie – trans*support für Anfänger*innen und Fortgeschrittene (w.i.r. – Linksradikale Trans*Vernetzung NRW)
Der Begriff „trans“ geistert seit einiger Zeit durch die linke Szene und trotzdem können viele nicht so richtig was mit dem Begriff anfangen, bzw. sehen darin „nur“ eine Kritik am binären Geschlechtersystem. Andere haben trans*Menschen in ihrem Umfeld und sind sich im Umgang mit diesen oft unsicher. Wenn du Lust hast ein bißchen was über trans* zu erfahren; wissen willst was eigentlich Transpobie/Transfeindlichkeit ist und wie sie sich äußert und dich fragst, wie du aktiv solidarisch mit trans*Leuten (sei es mit konkreten Personen in deinem Umfeld oder insgesamt) sein kannst, bist du in der Veranstaltung richtig.
Um auch auf konkrete Fragen von Menschen eingehen zu können, die diese nicht in großer Runde äußern möchten, werden wir an geeigneter Stelle auf dem _Fest einen „Briefkasten“ haben, wo ihr eure Fragen loswerden könnt. D.h. Ihr könnte die Veranstaltung auch nutzen, um Fragen loszuwerden, die ihr empathischerweise nicht auf einer Party einer
flüchtigen Bekanntschaft stellen wollt, nur weil die Person zufällig trans* ist.
16 Uhr Psychiatrie und Gender mit Alva Dittrich (Uni Bonn)
Dank der Idee der Homosexuellen als “Inverts” (also verkehrte Geschlechter) war es zum einen möglich auf einer privaten Ebene um Verständnis zu bitten (ich kann nichts dagegen tun), gleichzeitig liefert es aber auch das Argument die sexuelle Orinetierung als Krankheit zu sehen (da sie keine Entscheidung zu Grunde legt). Transsexualität kann so ebenfalls als Gender Identity Disorder angesehen werden, was auch das psychologische Gutachten für die Anpassung rechtfertigt – und die Norm als solche nur doppelt bestätigt.
Spezifisch weibliche Krankheite sind ähnlich konzipiert. Seit den Anfängen der Psychiatrie-Geschichte spielen Sexualität und Geschlecht eine wichtige Rolle in der Diagnostik. Berühmt-berüchtigt sind wohl die Bilder der Hysterikerinnen-Vorführung. Vom wandelnden Uterus über die spezifisch weibliche Art wurde seit jeher eine anti-feministische Psychopathologie ermöglicht und weiterentwickelt.
18 Uhr Ökonomie und Identitäten jenseits von Hauptwiderspruch und ´unhappy marriage´mit Friederike Habermann
Zunächst wollte der Marxismus Single bleiben, niemand war ihm gut genug, so überzeugt war er von sich: Er bekämpfe den Hauptwiderspruch, alles andere würde wie von selbst dadurch erlöst werden. Dann bekam er einen Heiratsantrag vom Feminismus, doch galt dies als ´ unhappy marriage´ (Heidi Hartmann). Schließlich beschloss der Feminismus, ihn zu ignorieren – doch mit dem Fokus auf die (De-)Konstruktion von Identitäten verschwand gleich die gesamte Ökonomie aus dem Blick.
Wie aber, wenn Kapitalismus, Sexismus, Rassismus und alle anderen Herrschaftsverhältnisse nicht als feste Identitäten, sondern als miteinander verwoben verstanden werden? Und wir in unseren Identitäten wiederum damit verknüpft?
Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie unser heutiges Verständnis von Zweigeschlechtlichkeit sowie moderner Rassismus entstand. Den homo oeconomicus, das Subjekt der Wirtschaftstheorie, mit in die Betrachtung einzubeziehen, bedeutet nicht, Ökonomie wieder zum Ausgangspunkt zu erklären, aber es hilft, einerseits die Verwobenheit von Herrschaftsverhältnissen zu verstehen, und andererseits, wie sehr wir selbst mit unseren Identitäten – also allen Aspekten unseres Seins – Teil auch unseres materiellen Kontextes sind.
´Queerémos´ – statt ´Vencerémos´ (wir werden siegen) – bedeutet, nicht nur unsere Identitäten, sondern auch die Räume um uns herum zu queeren. Und so eine andere Welt zu erreichen. Denn nur das eine ohne das andere kann sich nicht verändern, und nur, beides zu queeren, wird uns erlauben, in den Worten Michel Foucaults, ´völlig andere zu sein in einer völlig anderen Welt´.
Der Input beruht auf den Büchern ´Der homo oeconomicus und das Andere. Hegemonie, Identität und Emanzipation´ sowie ´Halbinseln. Anders leben und wirtschaften im Alltag´.

